Andreas Maier – Kirillow (2005)

(C) SuhrkampInhalt

Frank, Julian, Anja und ihre Freunde sind Studenten aus dem linken Milieu, die sich mit schlafwandlerischer Sicherheit durch die Straßen und Kneipen Frankfurts bewegen. Sie lernen ein paar Russen kennen, die größtenteils nur rudimentär Deutsch können, und ziehen mit ihnen im Schlepptau durch die Gegend. Der besonnene Frank erinnert die Russen an einen gewissen Kirillow aus dem fernen Chabarowsk, dessen Traktat über die Menschheit in deutscher Übersetzung in Frankfurt landet. Julian, Sohn eines konservativen Politikers, ist besonders versessen darauf, die bestehenden Verhältnisse zu hinterfragen und zu ändern, doch mit alkoholgeschwängerten Reden ist dies nicht getan. Das traurige Finale gipfelt in der Reise der Clique in die deutsche Peripherie, um den Castortransport zu verhindern.

Schnellwertung

4/5 Punkte
Zugegeben, es wird ziemlich viel geredet. Davon abgesehen, macht „Kirillow“ ungemein Spaß und enthält interessante Gedanken.

Frankfurt-Faktor

Sehr hoch. Man könnte einen literarischen Stadtplan Frankfurts und vor allem des Nordends nur anhand dieses Romans erstellen.

Pressespiegel

Ulrich Greiner, ZEIT: „Andreas Maier hat hier eine neue Stufe seines Könnens erreicht. […] Kirillow ist abgrundtief ernst und verzweifelt komisch, und anders kann man unsere Lage nicht nennen.“
Holger Noltze, FAZ: „[…] mit hoher Formkunst lenkt Maier die Redeströme […]“
Ina Hartwig, Rundschau: „Maiers Literatur ist so getrieben, so obsessiv, dass die Stoßrichtung – Ernst oder Klamauk – kaum zu greifen ist.“
Jörg Magenau, taz: „Mit „Kirillow“ vollbringt Andreas Maier das Kunststück, einen politischen Roman zu schreiben, der alle Möglichkeiten, politisch zu werden, lustvoll ironisch zerlegt und der doch nichts Resignatives ausströmt.

Frankfurt

Andreas Maier ist bekannt dafür, quasi eine exzessive Heimatforschung zu betreiben. Bis auf wenige Ausnahmen spielen all seine Romane in Frankfurt und Umgebung, die Stadt wirkt dabei wie ein eigenständiger Protagonist.

Kellerstraße 17, Ginnheim „[…] und somit sei dieses hiermit beendet als ein Prolog in der Hölle, denn nichts anderes als eine Hölle ist die Kellerstraße siebzehn in Frankfurt-Ginnheim.“

Wiesenau, Westend „Kurz, das Treppenhaus war, gemessen an den sonstigen Verhältnissen in dieser Gegend des Westends (immerhin Nähe Myliusstraße und Siesmayerstraße), völlig heruntergekommen und dazu noch außergewöhnlich düster…“

Stalburg, Nordend „Drinnen im Gastraum, er war an die vier Meter hoch, saßen die Leute vor den Vertäfelungen und den gekalkten Wänden, die meisten mit den Gesichtern zum Ofen, der in der Raumesmitte stand.“ „Der Wirt, ein dicker Mann Mitte dreißig, der wie alle dicken Apfelweinwirte zufrieden aussah (im Gegensatz zu den dünnen Wirten in Frankfurt, die immer verstimmt aussehen, meistens die in Sachsenhausen), brachte alles auf einem Tablett und schien sich an jeder Bestellung ungemein zu freuen.“

Dr. Müller, Bahnhofsviertel „[…] er betrachtete sich weniger den Laden als vielmehr die Männer, die in ihn hineingingen und aus ihm wieder herauskamen. Er betrachtete die Männer sehr interessiert. Das waren für ihn die fremdesten Gestalten, die er sich vorstellen konnte. Übrigens war es erst kurz nach sieben Uhr. Er fand es erstaunlich, daß dieser Laden schon so früh aufhatte. […] Julian Nagel verspürte Lust, in diesen Dr.-MüllerLaden hineinzugehen, um diese für ihn nicht weiter nachvollziehbare Welt von innen kennenzulernen. Er hatte absolute Lust, diesen Heeren näher ins Gesicht zu blicken, in das jeweilige, bis ins letzte verlogene Gesicht […]“

Café Ausweg, Nähe Campus Westend (vermutlich ExZess) „Konzertplakate irgendwelcher Independengruppen oder Stadtteilbands hingen im Fenster des Cafés, ein Antikriegsplakat, ein Gorleben-soll-leben-Plakat etcetera. Drinnen saßen Leute auf einem halbhohen Podest, Rauch hing schwer im Raum. Kober trat ein und fühlte sich sofort etwas benommen. Es war sehr laut im Lokal. Gerade als Kober eintrat, hörten sie ein Hans-Albers-Lied. Sie sangen das Alberslied mit, alle lachten und grölten zur Musik, sie fanden sich offenbar ironisch und antispießig; anschließend hörten sie Led Zeppelin und gingen wieder zur Tagesordnung über, das heißt zu ihren Gesprächen.“

Marienkrankenhaus, Nordend „Die Atmosphäre in diesem Krankenhaus war anders als im großen Unfallkrankenhaus auf der Friedberger Landstraße, es war ein altes Gebäude noch aus der Kaiserzeit, mit christlichen Insignien an den Wänden, luftiger und großzügiger als das neonbeleuchtete Unfallkrankenhaus. Man sah einen Pfarrer, die Geländer an den Treppen waren dünn und geschwungen, aus Metall und Kunststoff, sie sammten vermutlich noch aus den fünfziger Jahren.“

Oppenheimer Straße & Bar, Sachsenhausen „Er spazierte anschließend in die Oppenheimer Straße und betrat die Oppenheimer Bar, aber kaum war er dort, hatte er schon keine Lust mehr zu bleiben, und den eigentlichen Grund dafür gab er sich nicht zu: nämlich weil auch dort niemand war,den er kannte.“

Teichstraße, Sachsenhausen „Er lief eine halbe Stunde durch Bornheim, dann erwischte er die letzte S-Bahn zum Lokalbahnhof und ging in die Teichstraße. Die Straße wirkte wie immer nachts einsamm und verlassen auf ihn, geradezu depressiv, aber dafür auch sehr ruhig. […] Die Teichstraße war tatsächlich eine der ruhigsten Straßen in ganz Frankfurt.“

Außerdem: Wielandstraße, Eppstein, Gartenfeldstraße, Humboldtstraße, Feldberg, Friedberger Landstraße, Holzhausenstraße, Eckenheimer Landstraße, Eiserner Steg, Kaiserstraße, Gemaltes Haus, Le Kaschemm, Rotlintcafé, Weserstraße, Schweizer Platz, Germania, Verbrecherbar (heute Blumen), Mainufer, Dr. Flotte, Weinstube Bockenheim

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s