Zu den 3 Steubern

„Setz dich gefällig anständig hin!“, herrscht mich Jens an, als er sieht, dass ich rittlings auf der Holzbank sitze, anstatt meine Beine brav unter der zum Tisch gewandten Seite zu verstecken. Zügig leiste ich seinem Befehl Folge. Jens meint es ernst. Das weiß ich, dabei habe ich ihn noch keine Viertelstunde erlebt, denn heute bin ich zum ersten Mal in den 3 Steubern in Sachsenhausen gelandet. Die Apfelweinwirtschaft gehört zu den letzten in Frankfurt, die noch selbst keltern. Dafür sorgt der Besitzer, ein gebrechliches Männlein, das manchmal in Zeitlupentempo durch seine kleine Kneipe schlurft. Die meisten Besucher im Steubern haben ein ähnliches Alter, deswegen riecht es hier auch muffig nach alten Menschen. Ist aber auch irgendwie authentisch, dieses Odeur von ungewaschenen Haaren. Wenigstens sind die Alten kommunikativ und es dauert nicht lange, bis ich mit den Nachbarn ins Gespräch komme.
Jens fällt im Vergleich zu den Stammgästen optisch aus dem Rahmen. Er ist zwar jenseits der vierzig aber noch lange nicht mit einem Bein im Grab, außerdem flitzt er erstaunlich schnell in der Wirtschaft hin und her. Er verhält sich ruppig, hat aber auch eine latent schwule Art, die ihn eigentlich für mich einnähme, würde er mir nicht soviel Respekt einflößen. Und schon begehe ich den nächsten Fauxpas: Als mein Geripptes leer ist, versuche ich, Jens auf mich aufmerksam zu machen.
„Ich bin net blind, ich seh‘ dein Glas schon!“, fährt er mich erneut an. „Bleib still sitzen dann bekommste auch deinen Schoppen.“
Eigentlich bin ich nicht auf den Mund gefallen, aber Jens schüchtert mich ein. Also bleibe ich ab jetzt still sitzen – und habe nie wieder ein leeres Glas vor mir.

Advertisements

4 Gedanken zu “Zu den 3 Steubern

  1. Die 3 Steubern sind noch eine richtig echte Äppelwoibeiz.
    Ich habe dort zwei Fehler gemacht, dann hatte ichs kapiert.

    Einmal kam ich rein, alle Platze waren besetzt. Rechts neben dem Eingang, da waren noch drei, vier Plätze frei an dem runden Tisch. Ein alter Mann sass allein am Tisch.
    „Ist hier noch frei?“, er schien mich nicht gehört zu haben. Zweiter Anlauf, gleiches Ergenis: Schweigen und ein Blick durch mich hindurch in die Unendlichkeit.
    Na, da hing gleich daneben doch noch einer am Tresen.
    „Ist hier noch frei?“ Der Mann drehte sich ebenso langsam wie gelangweilt weg.
    Ich nahm Platz. Sofort erschien der Kellner.
    „Das ist der Stammtisch.“ Nur diese vier Worte, den Rest erledigten sein Tonfall und der Blick.
    Aber ich würde wiederkommen.

    Ich kam wieder. Jede Menge Platz. Ich hatte einen Gast dabei, dem ich gegen seine Vorurteile die Stadt gezeigt hatte, nun war er infiziert und vom langen Rumlaufen hatten wir Durst.
    Der Kellner stand ohne Gruss und Frage wie aus dem Boden katapultiert neben mir.
    „Zwei Äppler, bitte.“
    „Possmann hawwe merr hier nedd.“
    Wahrscheinlich hatte er seinen schwachen Tag, denn er bediente uns ohne viele Worte ebenso effektiv wie effizient. Es wurde ein lustiger Abend.

    Man muss sich halt nicht nur Frankfurter Hof richtig zu benehmen wissen.

    Sonntagabendliche Grüsse aus dem magischen Bembelland

    PS: Klasse Blog – wieso entdecke ich den erst jetzt?

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s