Marlene Streeruwitz – Nachkommen. (2014)

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Nelia ist die jüngste Autorin, die je auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. Die 20jährige Wienerin reist nach Frankfurt, um an der Preisverleihung und der Buchmesse teilzunehmen. In Frankfurt jedoch holt sie ihre Vergangenheit ein: Ihr in dieser Stadt lebender Vater, zu dem sie zeit ihres Lebens keinen Kontakt hatte, meldet sich bei ihr.

Schnellwertung

5/5
Der Stil Streeruwitz‘ ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, die Handlung und Gedanken Nelias sind aber einfühlsam und nachvollziehbar erzählt. Und die Kritik am (Frankfurter) Literaturbetrieb ist höchst amüsant!

Frankfurt-Faktor

Sehr hoch. Nelia stolpert, mit Google Maps bewaffnet, durch die halbe Stadt und beschreibt ihre Wege genau.

Hintergrund

Der Roman über den Deutschen Buchpreis stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Pressestimmen

TAZ: „Und nein, dieser Roman ist keine Satire, und „überzeichnet“ ist hier auch nichts. Das ist alles schon ganz wirklich genauso trist, wie es nacherzählt wird. […] Die Figur des Vaters, die Familienkonstellation, das Renitent-Politische, die Finanzkrise, das heutige Deutschland und das heutige Österreich – alles nachvollziehbar, alles gut getroffen, auch die feministischen und veganistischen Ansichten kann man nachvollziehen, auch wenn man anderer Meinung ist.
Ina Hartwig, Zeit: „Wie das zarte, zwischen Lethargie und Wut hin- und herdriftende weibliche Wesen namens Nelia Fehn mit dem Occupy-Esprit und den Erinnerungen an die eigene Mutter sich vom Smartphone durch Frankfurt navigieren lässt, durch das Bahnhofsviertel, das Messegelände, die von Bomben verschonten Gründerzeitviertel, immer die Bankentürme im Rücken, wie sie einmal im Biomüll eines Discounters wühlt und sich dabei prächtig fühlt, weil es ihr die Aura des Widerstands verleiht, das ist große Wahrnehmungs- und Stadterfahrungsliteratur aus der unmittelbaren Gegenwart.“
Judith von Sternburg, Rundschau: “ Im Streeruwitz’schen nebensatzhassenden Staccato-Stil mag sie etwas atemlos wirken, aber im Grunde ist das einfach zügig, ökonomisch, nach vorne gewandt. Man kann sehr schnell einen Punkt setzen, wenn man keine Umstände machen will. Nelia möchte keine Umstände machen.“

Frankfurt

Frankfurt: „Das war also Frankfurt. Es fand sich nichts Zusammenhängendes. Die Häuser irgendwie. Alt. Neu. 50er Jahre. 60er Jahre. 80er Jahre. Gründerzeit. Aber nichts reihte sich aneinander. Die Straßen waren breit und die Autos groß und glänzend.“

Römer: „Die alten Häuser. Häuschen. Alles Wiederaufbau. Sie war beim Googeln auf eine Seite geraten, auf der dieser Platz nach dem Krieg zu sehen war. Skelette von Häusern waren da gestanden. Schuttberge. Jetzt. Vor den Fachwerkhäusern Restauranttische.“
„Weg von diesem Touristenplatz. Von diesem Phantasiedeutschland.“

Bahnhofsviertel: „Sie trat ins Freie. Hinter ihr die hohe Tonne des alten Bahnhofsgebäudes. Draußen. Das war alles wie im Süden irgendwo. Die Personen sahen nach Türkei und Nahem Osten aus. Der Lärm war auch auf dem Platz groß. […] Die Kaiserstraße lag vor ihr. Das Frankfurter Istanbul war von riesigen Türmen überragt, und die sinkende Sonne blitzte und spiegelte sich in den Glasscheiben hoch oben.“
„Nach der Kaiserstraße. Ein Bordell nach dem anderen. Der ganze Häuserblock. Sie ging schnell. Die Niddastraße. Wieder glatte Glasfassaden und gleich daneben vergammelte Altbauten aus dem 19. Jahrhundert. Sie bog nach links. Spelunken. Junkies saßen auf den Stufen zu einem Haus. Eine ältere Frau lag in der Nische eines Kellerfensters. Sie setzte sich eine Spritze am großen Zeh.“

Kaiserstraße: „In der Kaiserstraße. Die vollgestopften Auslagen. Billigläden. Uhren. Schmuck. Elektro. Elektronik. Kebab. Sushi. Chinesisch. Vietnamesisch. Casinos. Bäume. Straßencafés. Alle Leute liefen. Hatten es eilig. Riefen einander über die Straße zu. Sie eilte mit. Bog in die Elbestraße ein. Das Haus an der Ecke zur Münchner Straße. Es war schäbig. Unromantisch schäbig. Die Gründerzeitenverzierungen abgeschlagen. 80er-Jahre-Plastikfenster. Die Gegensprechanlage war mit Isolierband an der Wand befestigt. Eine raue Gegend und ein verkommenes Haus.“

Clubs: „Sie gab Clubs ein. Sie fand Cocoon. Dann die Nachrufe. Der beste Club der Welt. Cool. Crazy. Muss man besucht haben. Muss man kennen. Unumgänglich. Aber dieser Club war seit Jahresende 2012 geschlossen. Insolvenz. Dann Moon 13. Tecchno. Nur Techno. Nein. Velvet. Das musste hier sein. Sie wollte House. Dancefloor. Dann sah sie, sie hätte zurückgehen müssen. Das schaffte sie nicht. Das schaffte sie nicht mehr.“

Vegetarische Lokale: „Da gab es nicht so viele. Da gab es Pistazie. Naturbar. Arche Nova. Moti Mahal. Das war wohl ein Inder. Yan Ying. Cocos Express. Das konnte alles ein. Indisch oder chinesisch oder vietnamesisch. Nein. Thailändisch. Das war ziemlich sicher thaländisch. Dann noch Aroma Vegetarian. Drei waren an einem Oeder Weg zu finden. Zwei an der Kaiserstraße.“

Oeder Weg: „Die Straße zum Zentrum hinunter dann reine Gründerzeit. Hier war nicht gebombt worden. Offenkundig. Schmale Vorgärten. Fliederbüsche. Hohe Fassaden. Sie konnte Kristalllüster in den Zimmern leuchten sehen. Das war verwunderlich. Sie hatte gedacht, dass es Kristalllüster nur in Wien gab.“

Außerdem: Flughafen, Niederrad, Stadion, Hauptbahnhof, Hammering Man, Novotel, Messe, Schauspiel, (alte) EZB, Gutleutstraße, Düsseldorfer Straße, Hessischer Hof, Messeturm, Deutsche Bank, Frankfurter Hof, Jüdischer Friedhof, Hauptfriedhof, Taunusanlage, Eschersheimer Tor, Bremer Straße, Cronstettenstraße, Marbachweg, Taunusstraße, Reuterweg

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