Moseleck

Sobald die Temperaturen es erlaubten, saß der dicke Mann vor dem Moseleck auf einer der Holzbänke, die am Bürgersteig festgeschraubt waren. Den Tisch vor ihm schmückte niemals mehr als ein Glas und eine Flasche Jim Beam, deren Füllstand je nach Uhrzeit variierte. Der dicke Mann hatte dunkles, leicht gelocktes Haar und war von unbestimmbarem Alter. Da ich direkt neben der Kneipe wohnte, lief ich oft an ihm vorbei. Mit der Zeit nickten wir uns freundlich zu. Wenn es schon etwas später und die Flasche entsprechend leerer war, bekam der dicke Mann glasige Augen, aber er verhielt sich immer höflich und versäumte nie, meine Anwesenheit mit einem Kopfnicken zu würdigen.

Beinahe jeden Tag saß er mit seiner Flasche Whiskey vor dem Moseleck und schaute sich gemütlich die Passanten an. Inzwischen grüßten wir uns mit einem distanzierten, aber dennoch wohlwollend gemeinten „Gude“, wenn ich vorbeikam. Einmal lud er mich dazu ein, mich auf ein Glas Jim Beam zu ihm zu setzen. Obwohl er es harmlos meinte, lehnte ich ab.

Bis es zu kalt wurde, um draußen zu sitzen, sagten wir uns weiterhin jeden Tag Hallo und manchmal tauschten wir sogar einen Satz über das momentane Wetter aus.

U-Bahnstation Bornheim Mitte

Unter der Woche gab es am frühen Nachmittag immer eine deutliche Geräuschkulisse in der U-Bahnstation Bornheim Mitte, denn dann drängten und drängelten sich auf dem Bahnsteig die Jugendlichen der umliegenden Schulen. In Grüppchen verteilt redeten sie laut, hörten Musik oder tippten abwesend auf die Displays ihrer viel zu teuren Handys. Wenn ich gleichzeitig mit ihnen auf die Bahn warten musste, versuchte ich, mich fern von ihnen zu halten und konzentrierte mich lieber auf mein Buch.
Eines Tages bekam ich dennoch die Unterhaltung dreier Mädchen mit, die alle im Alter von etwa 14 oder 15 Jahren waren.
„Kennt ihr dieses Lied ‚Immer wenn es regnet muss ich an dich denken…‘?“
„Nein.“
„Nein.“
„Ist das von Tic Tac Toe?“
„Nee.“
„Von wem?“
„Weiß ich nicht.“
Als kurz darauf der Zug einfuhr, stand ich immer noch verdattert und auch ein wenig traurig am Gleis und blickte den Mädchen nach, die gerade einstiegen. Ich nahm die nächste Bahn.

Blogger schenken Lesefreude: Andreas Maiers „Kirillow“ zu gewinnen!

Achtung: Da alle anderen ihre Blogs ihre Aktion erst am 23. starten und nicht beenden, habe ich den Zeitraum meines Gewinnspiels auch erweitert: Bis zum 30. April könnt ihr mitmachen!

Blogger schenken Lesefreude – Es gibt etwas zu gewinnen! Und zwar verlose ich ein (gebrauchtes, aber sehr gut erhaltenes) Exemplar von DEM Frankfurt-Roman schlechthin: „Kirillow“ von Andreas Maier.

Verlost wird das Buch unter allen, die ein schönes Frankfurt-Zitat aus einem hier noch nicht vorgestellten Roman in die Kommentare schreiben. Sollte das jemandem zu schwer fallen, kann er alternativ gerne ein, zwei selbst verfasste Sätze über Frankfurt schreiben.

Das Ende des Gewinnspiel ist am Welttag des Buches, dem 23 30. April, um 23:59. Viel Glück!

Zu den 3 Steubern

„Setz dich gefällig anständig hin!“, herrscht mich Jens an, als er sieht, dass ich rittlings auf der Holzbank sitze, anstatt meine Beine brav unter der zum Tisch gewandten Seite zu verstecken. Zügig leiste ich seinem Befehl Folge. Jens meint es ernst. Das weiß ich, dabei habe ich ihn noch keine Viertelstunde erlebt, denn heute bin ich zum ersten Mal in den 3 Steubern in Sachsenhausen gelandet. Die Apfelweinwirtschaft gehört zu den letzten in Frankfurt, die noch selbst keltern. Dafür sorgt der Besitzer, ein gebrechliches Männlein, das manchmal in Zeitlupentempo durch seine kleine Kneipe schlurft. Die meisten Besucher im Steubern haben ein ähnliches Alter, deswegen riecht es hier auch muffig nach alten Menschen. Ist aber auch irgendwie authentisch, dieses Odeur von ungewaschenen Haaren. Wenigstens sind die Alten kommunikativ und es dauert nicht lange, bis ich mit den Nachbarn ins Gespräch komme.
Jens fällt im Vergleich zu den Stammgästen optisch aus dem Rahmen. Er ist zwar jenseits der vierzig aber noch lange nicht mit einem Bein im Grab, außerdem flitzt er erstaunlich schnell in der Wirtschaft hin und her. Er verhält sich ruppig, hat aber auch eine latent schwule Art, die ihn eigentlich für mich einnähme, würde er mir nicht soviel Respekt einflößen. Und schon begehe ich den nächsten Fauxpas: Als mein Geripptes leer ist, versuche ich, Jens auf mich aufmerksam zu machen.
„Ich bin net blind, ich seh‘ dein Glas schon!“, fährt er mich erneut an. „Bleib still sitzen dann bekommste auch deinen Schoppen.“
Eigentlich bin ich nicht auf den Mund gefallen, aber Jens schüchtert mich ein. Also bleibe ich ab jetzt still sitzen – und habe nie wieder ein leeres Glas vor mir.