Andreas Maier – Das Zimmer (2010)

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„Das Zimmer“ ist der erste Band des auf elf Romane angelegten Zyklus „Ortsumgehung“ von Andreas Maier. Er beschreibt ein Tag im Leben seines Onkels J., der, seit seiner Geburt geistig zurückgeblieben, sich vor allem für Baustellen, Bier trinken und den Wald interessiert, mit Gepflogenheiten wie dem Duschen hingegen nichts anfangen kann. Der junge Ich-Erzähler, ebenfalls ein Außenseiter, fühlt sich gleichzeitig abgestoßen und angezogen vom merkwürdigen Charakter seines Onkels.

Schnellwertung

4/5 Der Roman besteht größtenteils aus Detailbeobachtungen, denen eine feine Zivilisationskritik zu entnehmen ist. Trotz des eher einseitigen Themas liest sich „Das Zimmer“ wirklich gut und kann durchaus als provinzieller Querschnitt der Bundesrepublik Ende der 1960er gesehen werden.

Frankfurt-Faktor

Hoch, wie in allen Romanen Maiers, wobei der Fokus von „Das Zimmer“ auf der Wetterau liegt.

Hintergrund

Weitere bisher erschienene Teile der „Ortsumgehung“: „Das Haus“ (2011), „Die Straße“ (2013), „Der Ort“ (2015) Eine Kolumnensammlung, in denen ebenfalls Onkel J. der Dreh- und Angelpunkt ist, erschien als „Onkel J.: Heimatkunde“ ebenfalls im Jahr 2010.

Pressesstimmen

Ina Hartwig, ZEIT: „Maiers Achillesverse ist weniger, dass er das Material im Eigenen sucht, als vielmehr, dass am Anfang des »Zimmers« die literarischen Vorbilder, besonders Thomas Bernhard und Arnold Stadler, gelegentlich etwas zu deutlich vernehmbar sind. Ab der zweiten Hälfte […], da hat sich Andreas Maier freigeschrieben.“
Friedmar Apel, FAZ: Die Heimat ist nicht gemütlich, nicht einmal in der Stammwirtschaft. Maiers wunderbar trockener Humor bringt das nur umso schärfer zum Vorschein. […] Mit „Das Zimmer“ ist Andreas Maier ein Meisterwerk der scharfen Beobachtung und der kleinen Wahrnehmung gelungen.“

Frankfurt

Frankfurt: „Da gab es nichts, da gab es nur den Henningerturm, aber den immerhin mit Drehrestaurant. Dann gab es später den Fernsehturm, ansonsten war Frankfurt fast noch völlig flach. Die eigentlichen Hochhäuser kamen erst später, J. hat sie teilweise noch erlebt. Auch den Messeturm hat er noch erlebt.“

Von der Wetterau in die Stadt: „Bad Vilbel, Bonames, die Station, die unterdessen ihren Namen verloren hat und heute Frankfurter Berg heißt, und immer weiter hinein nach Frankfurt, das schon ganz zusammengewachsen war und Ginnheim und Rödelheim und Eschersheim und alles Weitere bereits verschluckt hatte, und schließlich, nach siebenundzwanzig Minuten, steigt mein Onkel J. in Frankfurt aus, denn damals hatten die Züge noch keine Verspätung.“

Hauptbahnhof: „Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre war der Bahnhof ziemlich heruntergekommen, überhaupt legte man noch nicht einen solchen Wert auf geputzte Sauberkeit an öffentlichen Orten. Um den Frankfurter Hauptbahnhof herum herrschta damals ein Paradies wie heute im Internet. […] Da wollte alles hinausfließen, natürlich besonders am Frankfurter Hauptbahnhof, wo man noch zu wirklichen Frauen gehen konnte und nicht nur, wie heute, bloß in die Videokabine zu den Frauen auf dem Bildschirm, die allerdings billiger sind (heute ist um den Bahnhof eine Bannmeile für Bordelle gezogen).“ „Vielleicht hat er das Sommerlicht genossen, das im Juli, im August, im September am Mittag durch die Gläser des Hauptbahnhofs fallen konnte […].“

Bahnhofsviertel: „Da um den Hauptbahnhof herum Altbauzeilen stehen, die allesamt fünf- oder sechsstöckig sind, mußte man immer viele Treppensteigen, und das Treppensteigen wurde, als pars pro toto fürden Ausflug zum Paradies um den Frankfurter Hauptbahnhof herum, schließlich der Begriff für den ganzen Vorgang. Wir nannten es Treppensteigen, wenn wir nach Frankfurt fuhren.“ „[…] hinter der sich ein Labyrinth aus Treppen und Stufen und Kammern öffnen wird, ein Altbau, die Frankfurter Glücksarchitektur der damaligen Zeit. (Heute sind da sanierte Wohnungen für Familien und Rechtsanwälte.)“

Der Zar und Apfelwein: „Vielleicht trank der Vorkoster Apfelwein […]. Noch keine Wirkung? Dann schnell noch ein Glas (Schoppen) hinein in den Leibgardist […]. Und jetzt springt er auf, der Leibgardist, und hat die Hand schon am Hosenbund und rennt davon, wo snd denn hier die Klosetts? Ganz schnell rennt er. Und der Zar, so viel ist sicher, wird niemals in seinem Leben Apfelwein trinken, man rät ihm ab. Einige Jahre später ist er trotzdem tot […].“

Außerdem: Gallusviertel, Henninger Brauerei, Theaterplatz, Flughafen, Oberfinanzdirektion

Andreas Maier – Kirillow (2005)

(C) SuhrkampInhalt

Frank, Julian, Anja und ihre Freunde sind Studenten aus dem linken Milieu, die sich mit schlafwandlerischer Sicherheit durch die Straßen und Kneipen Frankfurts bewegen. Sie lernen ein paar Russen kennen, die größtenteils nur rudimentär Deutsch können, und ziehen mit ihnen im Schlepptau durch die Gegend. Der besonnene Frank erinnert die Russen an einen gewissen Kirillow aus dem fernen Chabarowsk, dessen Traktat über die Menschheit in deutscher Übersetzung in Frankfurt landet. Julian, Sohn eines konservativen Politikers, ist besonders versessen darauf, die bestehenden Verhältnisse zu hinterfragen und zu ändern, doch mit alkoholgeschwängerten Reden ist dies nicht getan. Das traurige Finale gipfelt in der Reise der Clique in die deutsche Peripherie, um den Castortransport zu verhindern.

Schnellwertung

4/5 Punkte
Zugegeben, es wird ziemlich viel geredet. Davon abgesehen, macht „Kirillow“ ungemein Spaß und enthält interessante Gedanken.

Frankfurt-Faktor

Sehr hoch. Man könnte einen literarischen Stadtplan Frankfurts und vor allem des Nordends nur anhand dieses Romans erstellen.

Pressespiegel

Ulrich Greiner, ZEIT: „Andreas Maier hat hier eine neue Stufe seines Könnens erreicht. […] Kirillow ist abgrundtief ernst und verzweifelt komisch, und anders kann man unsere Lage nicht nennen.“
Holger Noltze, FAZ: „[…] mit hoher Formkunst lenkt Maier die Redeströme […]“
Ina Hartwig, Rundschau: „Maiers Literatur ist so getrieben, so obsessiv, dass die Stoßrichtung – Ernst oder Klamauk – kaum zu greifen ist.“
Jörg Magenau, taz: „Mit „Kirillow“ vollbringt Andreas Maier das Kunststück, einen politischen Roman zu schreiben, der alle Möglichkeiten, politisch zu werden, lustvoll ironisch zerlegt und der doch nichts Resignatives ausströmt.

Frankfurt

Andreas Maier ist bekannt dafür, quasi eine exzessive Heimatforschung zu betreiben. Bis auf wenige Ausnahmen spielen all seine Romane in Frankfurt und Umgebung, die Stadt wirkt dabei wie ein eigenständiger Protagonist.

Kellerstraße 17, Ginnheim „[…] und somit sei dieses hiermit beendet als ein Prolog in der Hölle, denn nichts anderes als eine Hölle ist die Kellerstraße siebzehn in Frankfurt-Ginnheim.“

Wiesenau, Westend „Kurz, das Treppenhaus war, gemessen an den sonstigen Verhältnissen in dieser Gegend des Westends (immerhin Nähe Myliusstraße und Siesmayerstraße), völlig heruntergekommen und dazu noch außergewöhnlich düster…“

Stalburg, Nordend „Drinnen im Gastraum, er war an die vier Meter hoch, saßen die Leute vor den Vertäfelungen und den gekalkten Wänden, die meisten mit den Gesichtern zum Ofen, der in der Raumesmitte stand.“ „Der Wirt, ein dicker Mann Mitte dreißig, der wie alle dicken Apfelweinwirte zufrieden aussah (im Gegensatz zu den dünnen Wirten in Frankfurt, die immer verstimmt aussehen, meistens die in Sachsenhausen), brachte alles auf einem Tablett und schien sich an jeder Bestellung ungemein zu freuen.“

Dr. Müller, Bahnhofsviertel „[…] er betrachtete sich weniger den Laden als vielmehr die Männer, die in ihn hineingingen und aus ihm wieder herauskamen. Er betrachtete die Männer sehr interessiert. Das waren für ihn die fremdesten Gestalten, die er sich vorstellen konnte. Übrigens war es erst kurz nach sieben Uhr. Er fand es erstaunlich, daß dieser Laden schon so früh aufhatte. […] Julian Nagel verspürte Lust, in diesen Dr.-MüllerLaden hineinzugehen, um diese für ihn nicht weiter nachvollziehbare Welt von innen kennenzulernen. Er hatte absolute Lust, diesen Heeren näher ins Gesicht zu blicken, in das jeweilige, bis ins letzte verlogene Gesicht […]“

Café Ausweg, Nähe Campus Westend (vermutlich ExZess) „Konzertplakate irgendwelcher Independengruppen oder Stadtteilbands hingen im Fenster des Cafés, ein Antikriegsplakat, ein Gorleben-soll-leben-Plakat etcetera. Drinnen saßen Leute auf einem halbhohen Podest, Rauch hing schwer im Raum. Kober trat ein und fühlte sich sofort etwas benommen. Es war sehr laut im Lokal. Gerade als Kober eintrat, hörten sie ein Hans-Albers-Lied. Sie sangen das Alberslied mit, alle lachten und grölten zur Musik, sie fanden sich offenbar ironisch und antispießig; anschließend hörten sie Led Zeppelin und gingen wieder zur Tagesordnung über, das heißt zu ihren Gesprächen.“

Marienkrankenhaus, Nordend „Die Atmosphäre in diesem Krankenhaus war anders als im großen Unfallkrankenhaus auf der Friedberger Landstraße, es war ein altes Gebäude noch aus der Kaiserzeit, mit christlichen Insignien an den Wänden, luftiger und großzügiger als das neonbeleuchtete Unfallkrankenhaus. Man sah einen Pfarrer, die Geländer an den Treppen waren dünn und geschwungen, aus Metall und Kunststoff, sie sammten vermutlich noch aus den fünfziger Jahren.“

Oppenheimer Straße & Bar, Sachsenhausen „Er spazierte anschließend in die Oppenheimer Straße und betrat die Oppenheimer Bar, aber kaum war er dort, hatte er schon keine Lust mehr zu bleiben, und den eigentlichen Grund dafür gab er sich nicht zu: nämlich weil auch dort niemand war,den er kannte.“

Teichstraße, Sachsenhausen „Er lief eine halbe Stunde durch Bornheim, dann erwischte er die letzte S-Bahn zum Lokalbahnhof und ging in die Teichstraße. Die Straße wirkte wie immer nachts einsamm und verlassen auf ihn, geradezu depressiv, aber dafür auch sehr ruhig. […] Die Teichstraße war tatsächlich eine der ruhigsten Straßen in ganz Frankfurt.“

Außerdem: Wielandstraße, Eppstein, Gartenfeldstraße, Humboldtstraße, Feldberg, Friedberger Landstraße, Holzhausenstraße, Eckenheimer Landstraße, Eiserner Steg, Kaiserstraße, Gemaltes Haus, Le Kaschemm, Rotlintcafé, Weserstraße, Schweizer Platz, Germania, Verbrecherbar (heute Blumen), Mainufer, Dr. Flotte, Weinstube Bockenheim