Johanna Spyri – Heidi (1879)

indexAn der Stelle steht für gewöhnlich eine Inhaltsangabe – in dem Fall ist das aber ganz bestimmt unnötig.

Hintergrund

Die Frankfurt-Kapitel bei Projekt Gutenberg.
Artikel über Heidis Erlebnisse in Frankfurt und die historischen Hintergründe.

Frankfurt

Die Stadt
„‚Man sieht nur die steinerne Straße hier, sonst gar nichts‘, sagte das Kind bedauerlich; ‚aber wenn man um das ganze Haus herumgeht, was sieht man dann auf der anderen Seite, Sebastian?‘
‚Gerade dasselbe‘, gab dieser zur Antwort.
‚Aber wohin kann man denn gehen, dass man weit, weit hinuntersehen kann über das ganze Tal hinab?‘
‚Da muss man auf einen hohen Turm hinaufsteigen, einen Kirchturm, so einen, wie der dort ist mit der goldenen Kugel oben drauf. Da guckt man von oben herunter und sieht weit über alles weg.‘
Jetzt stieg Heidi eilig von seinem Schemel herunter, rannte zur Tür hinaus, die Treppe hinunter und trat auf die Straße hinaus. Aber die Sache ging nicht, wie Heidi sich vorgestellt hatte. Als es aus dem Fenster den Turm gesehen hatte, kam es ihm vor, es könne nur über die Straße gehen, so müsste er gleich vor ihm stehen. Nun ging Heidi die ganze Straße hinunter, aber es kam nicht an den Turm, konnte ihn auch nirgends mehr entdecken und kam nun in eine andere Straße hinein und weiter und weiter, aber immer noch sah es den Turm nicht. Es gingen viele Leute an ihm vorbei, aber die waren alle so eilig, dass Heidi dachte, sie hätten nicht Zeit, ihm Bescheid zu geben. Jetzt sah es an der nächsten Straßenecke einen Jungen stehen, der eine kleine Drehorgel auf dem Rücken und ein ganz kurioses Tier auf dem Arme trug. Heidi lief zu ihm hin und fragte: ‚Wo ist der Turm mit der goldenen Kugel zuoberst?'“

„So ging eine lange Zeit dahin. Heidi wusste gar nie, ob es Sommer oder Winter sei, denn die Mauern und Fenster, die es aus allen Fenstern des Hauses Sesemann erblickte, sahen immer gleich aus, und hinaus kam es nur, wenn es Klara besonders gut ging und eine Ausfahrt im Wagen mit ihr gemacht werden konnte, die aber immer sehr kurz war, denn Klara konnte nicht vertragen, lang zu fahren. So kam man kaum aus den Mauern und Steinstraßen heraus, sondern kehrte gewöhnlich vorher wieder um und fuhr immerfort durch große, schöne Straßen, wo Häuser und Menschen in Fülle zu sehen waren, aber nicht Gras und Blumen, keine Tannen und keine Berge, und Heidis Verlangen nach dem Anblick der schönen gewohnten Dinge steigerte sich mit jedem Tage mehr“

„‚Nein, das ist es mir nicht; kein Mensch kann es so gut haben, wie man es in Frankfurt hat.'“

„‚[…]ich konnte es fast gar nicht mehr aushalten, bis ich wieder bei dir daheim sein könnte, und ich habe manchmal gemeint, ich müsse ganz ersticken, so hat es mich gewürgt; aber ich habe gewiss nichts gesagt, weil es undankbar war.'“