Jörg Fauser – Rohstoff (1984)

978-3-257-23922-5Inhalt

Ende der 60er, Anfang der 70er: Während andere die Revolution planen, versucht sich Harry Gelb lieber an exzessivem Drogenkonsum in Istanbul. Da das aber auch keine Zukunft hat, verschlägt es ihn dann doch in eine Kommune in Berlin, wo er die pseudoaufständischen Handlungen seiner Mitbewohner mit trockenem Humor aus der Ferne beobachtet. Nach einem kurzen Intermezzo in Göttingen, eine Zeit, in der er es tatsächlich schafft, einen Roman im Sinne von Bukowski und Burroughs zu verfassen, landet Harry am Ende wieder in seiner Heimatstadt Frankfurt. Da wird mal ein Haus besetzt und Harry geht halt mit, dann gibt er ein kurzlebiges Untergrundmagazin heraus oder arbeitet als Nachtwächter und taumelt beständig durch sämtliche Kneipen der Stadt. Harry Gelb ist der geborene Antiheld auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, der Liebe und sich selbst, der zwar immer wieder in die Knie gezwungen wird, sich aber nicht entmutigen lässt.

Schnellwertung

4,5/5

Hintergrund

Jörrg Fauser stammte gebürtig aus Schwalbach.
„Rohstoff“ ist ein Roman mit stark autobiographischen Zügen, wie an diesem Nachruf unschwer zu erkennen ist.
Das Zero in der Stiftstraße wird in diesem Artikel im Spiegel von 1976 erwähnt
Das Schmale Handtuch, in dem Harry Gelb gegen Ende des Romans ein- und ausgeht, lag laut den Mitgliedern der Facebook-Gruppe „Du weißt, dass du aus Frankfurt bist, wenn du früher…“ an der Ecke Wittelsbacherallee/Saalburgallee, direkt neben der Gaststätte Rüth. Heute ist dort ein Wohnhaus.

Pressestimmen

FAZ (Klappentext): „Einer der besten deutschen Romane überhaupt. Warum gab es dieses Buch so lange nicht? Unfaßbar.“
Wolfgang Tischer, Literaturcafé: „Rohstoff ist auch ein politischer Roman, ohne zu politisieren. Und obwohl er Anfang der 1980er geschrieben wurde, ist er nicht durchtränkt von künstlich wirkendem Zeitkolorit und Namedropping, wie es heutzutage oft der Fall ist, wenn Autoren ihren Text in die jüngste Vergangenheit verlegen.“

Frankfurt

Harry Gelb lebt etappenweise in mehreren Städten, der Großteil der Handlung spielt sich aber in Frankfurt ab.

Die Stadt
„Vielleicht lag es an dieser heißen, engen Stadt, die ihre Dynamik am Himmel austobte, jede Börsenerholung mit einem neuen Wolkenkratzer feierte, erfüllt war mit unablässigem Dröhnen, Preßlufthammern, Abrißbirnen, U-Bahn-Rammen, abends die giftige Luft aus den lädierten Lungen stieß, eine tödliche Dosis, mit der verglichen die bleichen Opiumdealer auf der Hasch-Wiese das reinste Nektar feilhielten.“

„Wieder eine Samstagnacht in Frankfurt/Main. Neoncity im Nieselregen. Notarztwagen vor dem Onkel Max. Pakistani mit den letzten Exemplaren der Nachtausgabe, Afrikaner, die ihren Elfenbeinnippes von Kneipe zu Kneipe schleppten, die Hauptwache voller Penner mit Rotweinbomben, Hippies mit Berliner Tinke, Polizisten mit ungenauen Gesichtern und Funkgeräten. Die ganze Zeil hoch, an den Schaufenstern der Kaufpaläste vorbei, wo die Modepuppen mit ihren bizarren Verrenkungen und ihren französischen Dessous um diese Uhrzeit nur noch die Exhibitionisten anlockten, die Spanner, die Wichser. Die Imbißhallen voller Männer in karierten Mänteln, die über ihrem langsam zerfallenden Bierschaum noch einmal die vielen Siege ihres Lebens nacherzählten, die unbegreiflicherweise alle nach Stalingrad führten und in diese Avenue der schnellen Mark, an der sie keinen anderen Anteil hatten als die Stunden vor dem Bratwurstgrill, dem Zapfhahn und dem Werbekalender mit der Bikinischönen: ‚Up, up and away.‘ Vorbei an den Kinos, den Tanzschippen, den Baugruben und Puffs, dorthin, wo die Zeil plötzlich enger und schäbiger wurde und mit viel weniger Licht auskam für die Antiquariate, die Jeans-Shops, die Gelegenheitsläden, die Teppichhändler, bis das Wasserhäuschen in der Friedberger Anlage das Ende der Prachtstraße markierte, die letzten Meter der City. Obwohl es hundert Meter weiter schon wieder Bier und Schnaps gab, war das Wasserhäuschen immer umlagert wie ein Nationaldenkmal oder eine Erste-Hilfe-Station.“

Baustelle Frankfurt
„Ich fuhr zum Eschenheimer Turm und besorgte mir ein paar Ampullen. Dann der lange Weg nach Hause. Dornbusch, Eschersheim, Heddernheim. Überall wurde gebaut.“

Zero, Stiftstraße
„In der Stiftstraße lag eine alte Jazzkneipe, in der jetzt Rockmusik live geboten wurde, das Zero. Es war die neue „in“-Kneipe und nannte sich auch schon Kommunikationszentrum; vor dem Eingang standen GIs in Klumpen geballt und warteten auf eine günstige Connection, und auf der anderen Straßenseite waren die Zivilfahnder geparkt und fotografierten. Das Zero war der heißeste Schuppen in der Stadt, und ich ging nur hin, wenn es sich nicht mehr vermeiden ließ. Ich hatte das Fixen eingestellt und keine Lust, zu guter Letzt doch noch Schwierigkeiten mit dem RD zu bekommen.“

Wolfsgangstraße, Westend
„Ich fand ein Zimmer in der Wolfsgangstraße, in der Nähe der Innenstadt, eine von diesen Studentenbuden, die von verwitweten Hausbesitzerinnen mit aufgeblondeten Dauerwellen und Augen von der Farbe alter Familientresore vermietet werden.“

Offenbächer
„Pfälzer waren in der Regel nicht ganz so verrückt wie Oberfranken, Allgäuer, Dithmarscher oder Leute aus Offenbach.“

Club Voltaire, City
„Einer der Treffpunkte der linken Trinker war der Club Voltaire in der Kleinen Hochstraße, mitten in der Stadt und umgeben von Opernhausruine, Börse, Banken und Hasch-Wiese. Im Club Voltaire gaben den Ton zwar die ordentlichen Linken an – die schon leicht ergrauten Ostermarschierer, die Reste des traditionellen SDS, die alten Maulwürfe aus den Grauzonen des linken Spektrums, die sich jetzt mal wieder durch den fetten Boden der SPD buddelten-, aber als Hausbesetzer war man zunächst mal durchaus gelitten, und dann stieg natürlich auch mit all den Rockern und Aushilfskräften und ihrem Anhang der Umsatz.“

Bockenheimer Kneipen
„Kneipen dieser Art waren etwas Neues für mich, die billigen Kneipen Bockenheims, wo man tagsüber im Halbdämmer zwischen den alten Bierwimpeln und den Fußballplakaten mit den Rentnern und Hausfrauen und Gelegenheitsarbeitern und Nuttchen und Krüppeln in diesem köstlichen Dunst aus Bier und Korn und Pisse und Rindswurst und Senf und Rauch hockte und abends, wenn die Arbeiter und Gewerbetreibenden mit ihren aufgeflotteten Ehegesponsen zum Trinken antraten und die Studenten und ihr Anhang ihre Runden und ihr Weltbild drehten, kaum einen Platz bekam. Am besten war es im Nuttenlouis an der Bockenheimer Warte, gegenüber dem Trambahndepot, einem Ort, wo die klassenlose Gesellschaft der Trinker aller Stände jeden Abend ihre Seele im Bierschaum entdeckte und zur Sperrstunde dort vergaß.“

Bornheim
„Ich hatte ein möbliertes Zimmer in der Wiesenstraße in Bornheim. Bis zur Bergerstraße waren es nur ein paar Schritte. Ich sog die Herbstluft tief ein, das wohlige Gemisch aus feuchtem Laub, nassem Asphalt, frischen Schlachteplatten auf Sauerkraut, Bier, Hundepisse auf neuem Beton, dem Rauscher, den sie in den alten Apfelweinkneipen schon süffelten, dem Wind, der vom Ostpark herüberwehte.“

„Es gab natürlich jede Menge Kneipen in Bornheim, es gab Alt-Bornheim, es gab den Riederwald, das Ostend, dann Richtung Stadt den Sandweg, das Milieu von der Breitegaß bis runter zur Vilbeler Straße, die fließenden Übergänge von der Arbeiterklasse zur kriminellen Klasse und vom Kleinbürgertum zu Bohème, aber wenn man wochentags im Schmalen Handtuch sa´, ging man da nur widerwillig hin […].“

FSV
„Fast eine Stunde rannten die Schwarz-Blauen dem Führungstreffer der Gäste hinterher, und als in der 81. Minute endlich der Ausgleich fiel, waren die Spieler des FSV und die letzten fünfhundert Fanatiker schon viel zu erledigt, um das Tor noch groß zu würdigen. Die Stimmung war längst so trist wie der Sonntagnachmittag über dem Bornheimer Hand, ein Himmel, der frieren machte, ein Totensonntaglicht. […] Sie spielten einen Scheiß zusammen.“

Bornheimer Faß, Mainkurstraße
„Das Hohelied ließ sich vom Bornheimer Faß nicht singen. Im Faß saßen alle an getrennten Tischen, die Eintracht-Fans und die FSV-Fans, die Kleinbürger und die Kleinkriminellen, die Stammgäste und die, die sonst im Schmalen Handtuch tranken, diese Bagage. Trotzdem, sonntags ging man nach dem Spiel ins Faß und trank sein Bier da, obwohl es labbrig schmeckte, klar.“

Nordend
„Der Versand lag in einem Hinterhof im Nordend, wo das kleine Handwerk noch blühte, die Tischlereien, die Klempner, die Pietät. Alte Fahrräder, Geranien an den Fenstern, laute Kinder. Fleischwurst, Briketts, Studentinnen mit feministischen Parolen auf dem Meinungsbutton am Parka.“

Bahnhofsviertel
„Die Kokett-Bar war ein runtergekommener Bums an einer runtergekommenen Ecke im Bahnhofsviertel. Der Schaukasten mit den Fotos der Mädchen war von einem enttäuschten Besucher eingeschlagen worden. Kein Wunder, die Fotos waren mindestens zehn Jahre alt.“

Außerdem: Hauptwache, Nordwestzentrum, Hauptbahnhof, Bockenheimer Landstraße, Kettenhofweg, Osthafen, Schumannstraße, Zeppelinallee, Hochstraße, Uni, Café Schwille (früher auf der Fressgass), Jazzkeller, Grüneburgpark, Waldstadion, Bieberer Berg, Senckenberganlage, IG Farben, Flughafen, Kneipe Traube, Friedberger Landstraße, Saalburgallee, Wittelsbacherallee, Miquelallee, Weserstraße, Elbestraße, Kaiserstraße, Myliusstraße, Hoechst, Rennbahn

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