Judith Kuckart – Kaiserstraße (2006)

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Leo Böwe ist noch sehr jung, als er in den 1950er Jahren Liz heiratet. Sowohl als Waschmaschinenvertreter als auch später als CDU-Politiker macht er rasch Karriere. Die Geburt der Tochter Jule vervollständigt das nach außen hin perfekte Bild einer spießbürgerlichen Familie in Deutschland. Jule wächst auf und entfremdet sich von ihrem Vater, der sich, wenn er ehrlich zu sich ist, selbst nicht sonderlich leiden kann.
Das Leben von Leo und Jule Böwe begleitet die Autorin Kuckart mit Anekdoten und Szenen aus der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik.

Schnellwertung

2/5
Die Geschichte weiß nicht zu fesseln; die zahlreichen historischen Einschübe wirken überkünstlich und haben wenig mit der Haupthandlung zu tun; auch sprachlich nicht immer überzeugend.

Frankfurt-Faktor

Gering. Auch wenn auf dem Klappentext die Frankfurter Kaiserstraße und Rosemarie Nitribitt erwähnt werden, spielen nur wenige Szenen zu Beginn und Ende des Romans in Frankfurt. Die titelgebende Kaiserstraße hat nichts mit Frankfurt zu tun.

Pressestimmen

Martin Lüdke, FR: „Judith Kuckart arbeitet gern mit Bildern, auch mit solchen Bildern, die wie Pilze, die durch den Waldboden an die Oberfläche drängen, zunächst nur an einer kleinen Wölbung der brüchig gewordenen Erde erkennbar, ja oft erst einmal nur zu erahnen sind.“
Gabriele Killert, ZEIT: „Ein spannender Psychokrimi unserer Verhältnisse, mit einer zwischen Pathos und Ironie flirrenden, elektrisch geladenen Sprache. Ein Roman, der uns von den Figuren, die er uns aufhalst, am Ende auch befreit.“
Stephan Maus, Süddeutsche: „Im Weichspülgang geht Kuckart noch einmal die letzten fünfzig Jahre der BRD durch, wobei sie die Epoche nicht ein einziges Mal aus einer überraschenden Perspektive beleuchtet. Wieder einmal riecht es nach Putzmittel in den Fluren der Republik. Der Text ist eine Collage aus hundert Mal beschriebenen und gesendeten Zeitbildern. Die konventionelle Geschichts-Nachhilfestunde wird mit einem naiven Handlungsreisenden-Realismus gestaltet. […] Der Roman wird Opfer eben jenes Spießertums, das er anprangern will. Das Sujet hat seine verheerenden Spuren in der Ästhetik hinterlassen. Kuckarts Neobiedermeier läßt keine Frage offen. Das Geheimnis einer jeden Figur wird mit einem Halbsatz erklärt. Die Psyche ist hier so unkompliziert wie im Montagshoroskop.“
FAZ: „Nicht nur in den Fünfzigern werden Zeitgeschehen und Atmosphäre vorhersehbar und klischeehaft abgehakt: Schahbesuch und Sechstagekrieg, Deutscher Herbst und Mauerfall – das Prinzip Waschmaschine eben: das ganze Archiv rein in die Trommel, einmal Schleudern mit Spartaste. Das klingt dann so: „Jule kaufte sich am Bahnhofskiosk Baden-Baden nicht die Zeitung, auf der auf der ersten Seite noch immer die Rede von einer in Mogadischu entführten Landshut-Maschine und einem erschossenen Flugkapitän war.“Überhaupt: die Perspektive! Zwar wird personal aus der Sicht der beiden Hauptfiguren erzählt, dies aber keineswegs konsequent: Aus Gründen des Effekts wird immer wieder auktorial vor- und danebengegriffen – bis hin zu purem Kitsch wie „Hoch über ihr sang eine Schwalbe im Flug“ -, als sei das schon eine Regieanweisung für die erhoffte Verfilmung.“

Frankfurt

Kaiserstraße: „Die gebogenen Lichtmasten in der Kaiserstraße hatten Jugendstilornamente, aber keine Leuchten mehr. Schwarz standen sie vor einem dunkelgrauen Himmel. Böwes Köfferchen war nicht schwer. Er ging vorbei an einem zerbombten Wohnhaus, kein Haus, ein Knochen.“

Bahnhofsviertelkneipen der 1950er: „All diese Männer hatten in den Kneipen auf der Kaiserstraße verkehrt, im Bambi, beim Dicken Franz, im Dortmunder Eck und im Paradiso, wo auch die Nitribitt immer  hingegangen war.“

Nitribitt: „Plötzlich ging ein Fremder dicht neben ihm […]. ‚Brauchen Sie eine Schreibmaschine?‘ […] Bowe schüttelte den Kopf. Der Fremde ließ enttäuscht, aber freundlich die Schultern fallen. ‚Und die Nitribitt?‘, fragte der Fremde. Sein Ton war sachlich und nachdenklich. ‚Nitribitt‘, sagte Böwe. ‚Ist die… ist die auch neu?‘ ‚Neu nicht‘, sagte der Fremde, ‚aber tot.'“

Außerdem: Messe, Eschersheimer Tor, Zeil, Allerheiligen, Hauptbahnhof, Main, Detektiv Tudor, Tangerine Bar

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