Sascha Reh – Gegen die Zeit (2015)

20151223_134430Inhalt

Anfang der 1970er Jahre verschlägt es den deutschen Industriedesigner Hans Everding ins allendische Chile, wo er gemeinsam mit einem Team aus Technikern und Informatikern ein Computersystem, das alle chilenischen Fabriken miteinander vernetzen soll, entwickelt. Als Pinochet putscht, muss Hans die Daten mit Namen und Adressen von Sympathisanten vor dem Militär verstecken.

Schnellwertung

4/5
„Gegen die Zeit“ ist ein spannender, gut recherchierter Politthriller mit kleinen Schwächen im letzten Drittel. Mehr auf Glanz&Elend.

Hintergrund

Den Versuch, landesweite Daten zu sammeln, um die Produktion der Fabriken anzukurbeln, gab es wirklich; Rehs Roman basiert auf wahren Begebenheiten.

Frankfurt-Faktor

Gering, da der Roman zu 90 Prozent in Chile spielt. Ein wenig wird aber über Cohn-Bendit gelästert.

Pressestimmen

Helmut Böttiger, SZ: „Das Ganze ist mit Rückblenden erzählt, die große Zeit des Allende-Enthusiasmus und der Überlebenskampf danach wechseln sich in den einzelnen Kapiteln ab. So sind die Zukunftshoffnungen und die Traumata hart gegeneinander geschnitten. Die Sprache ist reportagehaft, vor allem die Unberechenbarkeit und Grausamkeit des Militärs erscheinen in einem scharfen Realismus, wie als genaue Vorlage für ein Filmdrehbuch. […] Der Gefahr des Klischees, des Abrufens allzu erwartbarer Bilder entgeht der Autor nicht immer. Am deutlichsten wird dies merkwürdigerweise in den kurzen Szenen an der Frankfurter Universität um 1970: die Gesichter, die Parolen, die Sprechweisen wirken fast wie eine Satire auf überkommene Vorstellungen von den 68ern und ihrem Politfanatismus. […] Dieser Roman setzt weniger auf literarisch-ästhetische Mittel als auf die klassischen Ingredienzen von Spannungs- und Liebesliteratur, ist aber durchaus packend und lesenswert. Und bietet nebenbei eine Einführung in eine fast vergessene Polit-Archäologie, die verblüffende Berührungen mit der Gegenwart hat.“
Gerrit Bartels, Tagesspiegel: „Sascha Reh demonstriert, wie souverän er seine literarischen Mittel beherrscht, etwa wenn er die Brauer-Everding-Dialoge in Everdings Gespräche mit Baud und anderen Cybersin-Beteiligten übergehen lässt. Schön stellt er auch das englisch-spanisch-deutsche Sprachenwirrwar dar, und Reh versteht es auch, seinen Roman einigermaßen spannend voranzutreiben, gerade in dem Geflecht aus Lügen und Misstrauen nach dem Putsch. Wer ist Freund, Feind, Verräter?“

Frankfurt

Studentenproteste und Cohn-Bendit: „Meine Immatrikulation an der Goethe-Universität wäre allerdings fast verhindert worden. Mehrere Tage im Frühjahr hatten Studenten die Verwaltung an der Universität blockiert, um alle Immatrikulationen und Rückmeldungen zu verhindert. Daniel Cohn-Bendit hatte zu diesem Boykott aufgerufen, wenngleich erst, so wurde kolportiert, nachdem er selbst sich zurückgemeldet hatte.“
„Letztlich entkam ich im allgemeinen Durcheinander durch Bockenheimer Nebenstraßen, in denen brusthoch das Tränengas stand […].“