Valentin Senger – Kaiserhofstraße 12 (1978)

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Die Kaiserhofstraße in den 1920er Jahren ist eine bunt gemischte, lebhafte Straße: Hier leben Transvestiten, Schauspieler der Alten Oper, Prostituierte und zahlreiche jüdische Familien, bis Hitlers Machtergreifung dem ein Ende bereitet. Trotz zahlreicher brenzliger Situationen überlebt die Familie von Valentin Senger die gesamte NS-Zeit unbehelligt im Hinterhaus der Nummer 12.

Schnellwertung

5/5
Diese schwere Zeit wird leichtfüßig, aber nicht verharmlosend, mit wunderbarem Sinn für Humor erzählt. Sengers „Kaiserhofstraße 12“ ist für beide Gruppen empfehlenswert: Für die, die sich noch nicht näher mit der NS-Zeit auseinandergesetzt haben und für diejenigen, die Experten in dem Thema sind.

Frankfurt-Faktor

Mittel bis hoch. Ein Großteil von Sengers Leben spielt sich in Frankfurt ab.

Hintergrund

Der Auftakt anno 2010 der Reihe „Frankfurt liest ein Buch
Der autobiographische Roman wurde 1980 vom HR verfilmt.
Die Trierische Gasse, die Schnurgasse (heute Berliner Straße) und die Vogelsgesanggasse befanden sich in der Altstadt um die Töngesgasse herum.

Pressestimmen

FAS: „Kenntnisreich und erinnerungssatt erzählt Sengers Buch davon, was in Frankfurts Straßen und in der Stadt das Gemeinwesen ausmachte.“
Zeit Magazin: „Ein authentisches Stück Zeitgeschichte, das sehr klar, sehr anschaulich und auch mit augenzwinkerndem Humor viel mehr erzählt vom Alltag im Dritten Reich als ein Stapel Geschichtsbücher.“

Frankfurt

Frankfurt vor der NS-Zeit
„Bei all ihren Vorsichtsmaßnahmen bedachte Mama jedoch nicht, daß in einer so liberalen und weltoffenen Stadt wie Frankfurt, in der Juden und Christen seit Jahrhunderten nebeneinanderlebten, es einmal etwas Lebensgefährliches sein könnte, Jude zu sein.“

NS-Zeit
„Ich war, von Bekannten aus dem Ostend kommend, auf dem Nachhauseweg und ging durch die Pfingstweidstraße in Richtung Zeil. Es war schon sehr spät und kaum noch jemand unterwegs. Da sah ich am Anlagenring, wo die Zeil beginnt, eine Gruppe von vielleicht zehn oder zwölf Personen. […] ging ich nicht die Zeil geradeaus, sondern bog etwa hundert Meter weiter nach rechts in die Seilerstraße ein,machte einen Bogen durch den Anlagenring und näherte mich den Burschen von der anderen Seite. […] Von allen Seiten versuchten die Burschen, die von Georg Kolbe geschaffenen zwei Figuren des Heine-Denkmals […] mit Stemmeisen aus dem Steinsockel herauszubrechen.“
„‚Haben Sie schon gehört, die Synangoge am Börneplatz brennt, und im Sandweg schlagen sie die Schaufenster von jüdischen Geschäften ein und werfen alles auf die Straße.‘ […] Nicht nur die Neue Synagoge am Börneplatz brenne, sondern alle Synagogen ständen in Flammen, im gesamten Ostend und auch im Nordend würden Juden aus ihren Wohnungen getrieben und alle jüdischen Geschäfte demoliert. […] Ein Mann sagte, er komme gerade von der Friedberger Anlage, die dortige Synagoge brenne ebenfalls und auch die Alte Synagoge an der Allerheiligenstraße.“

Nachkriegszeit
„Am 8. Mai, dem Tag der Kapitulationsunterzeichnung, kam ich in Frankfurt an. In der Nähe des zerstörten Eisernen Stegs erreichte ich den Main. Alle Mainbrücken, die Frankfurt mit Sachsenhausen verbanden, waren von den deutschen Trippen bei ihrem Rückzug gesprengt worden.“
„[…] lief ich durch das Ruinenfeld und über Berge von Schutt, vorbei an der zerstörten Hauptwache, in Richtung Opernplatz. Noch die letzten Häuser der Altstadt lagen in Trümmern oder waren ausgebrannt, auch große Teile der Innenstadt gab es nicht mehr.“

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Hausnummer 12 musste in den 1960ern einem Parkhaus weichen.

Kaiserhofstraße
„So kurz sie auch war, schien sie dennoch eine vornehme Straße gewesen zu sein. […] Auf jeden Fall war unsere Straße vornehmer als die beiden Parallelstraßen links und rechts von uns, die Meisengasse und die Kleine Hochstraße, die etwa gleichlang waren. Die aus der Gründerzeit stammenden Häuser unserer Straße hatten größtenteils imposante, gut erhaltene und gepflegte Fassaden mit Balustraden, Fenstereinfasungen und anderen ornamentalen Verkleidungen aus rotem Sandstein […].“
„Nicht weniger stolz konnten wir aus der Kaiserhofstraße auf den exklusiven Fechtclub ‚Hermannia‘ sein […]. Auch die studentische Burschenschaft ‚Rhenania‘ hielt unsere Straße für würdig genug, um im Haus Nummer 19 Quartier zu beziehen […].“
„Das Besondere unserer Straße aber war, daß dort einige Maler und Schauspieler wohnten, vor allem Sänger aus dem Ensemble des nahen Opernhauses. Durch sie erhielt die Straße etwas Weltoffenes, vielleicht ogar Frivoles. Dies wurde noch betont durch zwei exklusive Weinlokale, die nur am Abend und in der Nacht geöffnet waren und hinter deren gläsernen Eingangstüren schwere rote Plüschvorhänge die Sicht ins Innere verwehrten. Das eine war zeitweise ein stadtbekanntes Schwulenlokal.“
„Trotzdem war die Kaiserhofstraße eine gesellschaftsfähige, vom Kleinbürgertum und dem Mittelstand durchaus bewohnbare Straße.“

Freßgass‘
„Die Kaiserhofstraße ging nur bis Nummer 20 und verband die Hochstraße mit der parallel verlaufenden Freßgasse, die in Wirklichkeit Große Bockenheimer Straße heißt, aber von jedermann nur Freßgasse genannt wird. Viele kennen ihren richtigen Namen gar nicht. Der vornehmste Frankfurter Delikatessenhändler, Rollenhagen, hatte in der Freßgasse sein Geschäft. […] Doch Rollenhagen war nur einer von vielen Läden, durch die diese Straße zur Freßgasse wurde. Da waren der Käs-Petri im Eckhaus der Kaiserhofstraße […]; der Fisch-Kremser […]; der vornehme Pralinenladen von Wörner-Simmer; das Delikatessengeschäft Plöger, das damals viel kleiner als Rollenhagen war, aber noch heute existiert, während der große Rollenhagen bald nach dem Zweiten Weltkrieg schließen musste […]; ferner war da der Obt-Weinschrod; […] Metzger-Emmerich […]; ich erinnere mich auch noch sehr gut an die Bäckerei von Fritz Lochner, den heute weit über die Stadtgrenze hinaus bekannten Bäcker, und an den Metzger Stephan Weiß […]. „

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Kaiserhofstraße heute.

Innenstadt
„Auch die zwei Nutten aus Nummer 4, eine andere wohnte später sogar in unserem Haus, konnten dem Ansehen unserer Straße nichts anhaben, sie wohnten ja nur dort und bezahten pünktlich Miete. Auf den Strich gingen die beiden zwischen Goethestraße und Hauptwache, im seriösen Steinweg, oder gleich in der Kleinen Bockenheimer Straße, wo sie zwei Häuser neben der Roten Katze ihre Absteige hatten. Es stimmt, daß sie sich jeden Tag beim Friseur Jung in Nummer 2 die Haare machen ließen, so viel Geld hatten sie.“
„Die Kleine Hochstraße ist nur ein Katzensprung von der Kaiserhofstraße entfernt. Ich ging also los. Etwa in der Mitte der kurzen Straße, schräg gegenüber dem heutigen ‚Club Voltaire‘, fand ich da Haus Nummer 8. Das steile Treppenhaus war dunkel. und die abgetretenen Stufen knarrten bei jedem Schritt.“
„[…] daß ich unbemerkt von der Trierischen Gasse durch den großen Torbogen in die Dirnengasse gelangen konnte. Sie war eng und dunkel, die Männer, die an die Hauswände gedrückt, herumstanden, waren kaum zu erkennen. Sie hieß Vogelsgesanggasse und hatte zur Schnurgasse ein leichtes Gefälle. Ab und zu öffnete sich eine Haustür, ein schwacher Lichtschein fiel auf die steienernen Vordertreppen und auf wenige Quadratmeter Kopfsteinpflaster […].“

Außerdem: Schifferstraße, Schulstraße, Wittelsbacher Allee, Riederwald, Freiherr-vom-Stein-Straße, Königswarterstraße, Lindenstraße, Uhlandstraße, Seckbach, Höchst, Griesheim, Ostbahnhof, Osthafen, Hauptfriedhof, Hanauer Landstraße, Rat-Beil-Straße, Konstablerwache, Blittersdorfplatz, Zoo